Trink-Training: Das Märchen von den zwei Litern

Wer kennt sie nicht: all die nuckelnden und schlürfenden großen und kleinen Menschen mit ihrer Nuckelflasche in Greifweite. Sie hängt am Kinderwagen, steht auf dem Bürotisch und ist immer in greifbarer Nähe zum Mund. Deutschland bereitet sich auf den Sahara-Zustand in der Klimakatastrophe vor. Ständige und allgegenwärtige Lebensgefahr: Verdursten am Straßenrand, untrainierte Nieren, Schädigungen des Stoffwechsels. Begründung: Unser Körper verliert schließlich 2,5 Liter Flüssigkeit. Und die müssen ja wieder reinkommen: minimale Wasseraufnahme: 2 Liter täglich.

Endlich tritt dem mal jemand entgegen: Michael van den Heuvel in DocCheck News. Laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung (DGE) nehmen gesunde Erwachsene im Schnitt 1.440 ml Wasser über Getränke und 875 ml über feste Nahrung auf. Bei der physiologischen Verbrennung der Nährstoffe im Körper fällt sogenanntes Oxidationswasser an. Das sind im Schnitt weitere 335 ml. Und die gleiche Menge scheiden wir dann wieder aus: über unseren Urin (1.440 ml), den Stuhl (160 ml), über die Haut (550 ml) und die Lungen (500 ml), individuell sehr unterschiedlich, z.B. je nach Schwitzen und Stuhlmenge. Die Richtwerte für die „richtige“ Trinkmenge schwanken bei Menschen ohne Vorerkrankungen zwischen 400 ml (Säuglinge ab dem vierten Monat) und 1.710 ml (Stillende). Experten der DGE raten Erwachsenen dazu, je nach Alter, etwa 1.200 bis 1.500 ml Flüssigkeit zu sich zu nehmen.

An der 2-Liter-Empfehlung zweifelte Heinz Valtin von der Dartmouth Geisel School of Medicine in Hanover (New Hampshire) schon vor 15 Jahren. Der mittlerweile emeritierte Professor für Physiologie und Neurobiologie fand keine nachweisbaren Belege für normale Trinkmengen bei Erwachsenen. Besser sei, sich getrost auf das Durstgefühl zu verlassen. Er rät, auch Kaffee oder Tee als Teil der Trinkmenge zu betrachten. Der harntreibende Effekt von Getränken mit Coffein werde überschätzt – eine Sichtweise, die heute von Fachgesellschaften ebenfalls getragen wird.

Für den Normalverbraucher reicht es also völlig, seinem Durstgefühl zu vertrauen. Das Durstgefühl wird über verschiedene Mechanismen im Körper gesteuert: spezialisierte Rezeptorzellen, Hormone der Hypophyse und der Nebenniere, die Wasserrückresorption der Niere und Drucksensoren im Magen-Darmtrakt.

Viel Trinken fördert vor allem den Umsatz der Lebensmittelkonzerne. Barry Popkin von der University of North Carolina in Chapel Hill wirft ihnen geschicktes Sponsoring vor. Im Gespräch mit der New York Times erklärt er: „Fast die gesamte Wasserforschung wurde von der Industrie finanziert.“ Und Maude Barlow, eine kanadische Umweltaktivistin, ergänzt: „Diese Vorstellung, dass man immer Wasser dabeihaben muss, damit man nicht verdurstet, ist lächerlich. Das haben die uns eingeredet.“ Beispielsweise sponsern US-Getränkehersteller Kampagnen wie „Drink Up“, um den Konsum zu befeuern. Laut ARD sei es sogar gelungen, Barack Obamas Verbot von Wasserflaschen in Nationalparks zu kippen. Alles nur im Dienste der Gesundheit, versteht sich.

In Deutschland soll „Trinken im Unterricht“ Schüler animieren, öfter zur Flasche zu greifen. Ein Blick in das Impressum der Website verrät: Dahinter versteckt sich die Informationszentrale Deutsches Mineralwasser im Auftrag des Verbandes Deutscher Mineralbrunnen. Und Nestlé rät Konsumenten per Online-Information, nicht auf ihr Durstgefühl zu hören, sondern mehr in sich reinzukippen. Gesunde Menschen können ihrem Durstgefühl vertrauen. Hersteller sehen das anders.

Im Rahmen von „Choosing Wisely“ („Klug entscheiden“), einer Initiative gegen sinnlose Diagnostik und Therapie in der Medizin, schreiben Nephrologen: „Hohe orale Flüssigkeitsmengen sollen nicht eingesetzt werden, um die Nierenfunktion zu bessern oder Nieren zu spülen“. Ertrunken im Mineralwasser: Wer es als Gesunder mit dem Wassertrinken stark übertreibt, bemerkt die Folgen unmittelbar: Es kommt zu Übelkeit, Kopfschmerzen und Schwindel als Symptome eines Natriummangels im Blut. Das ist Jennifer S. (28) aus Kalifornien passiert, als sie an einem umstrittenen Trinkwettbewerb eines Radiosenders teilgenommen hat. Wenige Stunden später starb sie. Auch beim Sport kommt es immer wieder zu Todesfällen, die wohl im Zusammenhang mit einem Verdünnungseffekt der Blutsalze durch Wasser stehen. Deshalb greifen Profisportler auch zu isotonischen Getränken statt zu Wasser.

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