Mit Frühchen kuscheln und taktile Wahrnehmung fördern

Dass sich frühe taktile Wahrnehmungen fördernd oder hemmend auf die Entwicklung eines Frühgeborenen auswirken können, ist eigentlich alter Wein in neuen Schläuchen. Schließlich stammt die Känguru-Methode (Englisch Kangaroo care), bei der ein Frühgeborenes Haut an Haut auf dem Oberkörper eines Erwachsenen liegt, schon aus den 1990er Jahren. In zahlreichen Arbeiten konnte der positive Einfluss der Haut-zu-Haut-Berührung auf die Atmung, auf die Herztätigkeit, die Ernährung, Gewichtszunahme und soziale Reifung nachgewiesen werden, auch die verbesserte Verarbeitung der vielen schmerzhaften Prozeduren, denen die Kleinsten ausgeliefert sind. Die Känguru-Methode und andere sanfte Pflegemethoden haben längst Eingang in die meisten Intensivstationen für Frühgeborene gefunden.

Was ist nun neu an den Ergebnissen einer sehr aufwändigen Arbeit von Nathalie Maitre und Kollegen von der Vanderbilt Universität in Nashville, die im Februar in Current Biology publiziert wurde? Frühgeborene zeigen, so die Autoren, gegenüber reifen Neugeborenen bei leichten Berührungen abgeschwächte Reaktionen im EEG und in sog. ereigniskorrelierten Potentialen, Hirnstromwellen, die nach dem Berührungsreiz aktiviert werden. Diese Reaktionen fielen umso schwächer aus, je früher die Kinder zur Welt gekommen waren. Und der eigentlich Besorgnis erregende Befund: Selbst als sie das Gewicht eines normalgewichtigen Neugeborenen erreicht hatten und nach Hause entlassen werden konnten, blieben diese Reaktionen noch abgeschwächt.

Die Autoren beantworteten dann auch die Frage nach dem Einfluss positiver und negativer taktiler Stimulation. Sie zählten in den Krankenakten akribisch alle zarten Körperkontakte mit Eltern und Pflegekräften und alle belastenden Kontakte (Beatmung, Infusionen, Spritzen, schmerzhafte Eingriffe etc.). Das Ergebnis:  Je häufiger die Kinder angenehmen Körperkontakt hatten, desto stärker (also „normaler“) reagierte ihr Gehirn auf Berührung. Unangenehme und schmerzhafte Reize führten jedoch zu einer verringerten Reaktion ihres  Gehirns auf die sanfte Berührungen. Über diese potentiell entwicklungsgefährdenden Reaktionen durch Schmerz zeigen sich die Autoren erstaunlicherweise erstaunt.

Interessant sind die Ergebnisse auch hinsichtlich einer zu postulierenden Cross-Modalität zwischen Schmerz- und Oberflächenwahrnehmung. Schließlich leiten die Resultate auch zu der Frage über: Wie können Frühgeborene noch sanfter und schmerzärmer behandelt werden? Die Autoren weisen darauf hin, dass alle absehbar schmerzhaften Eingriffe mit medikamentöser Schmerzbehandlung gemildert wurden. Können Medikamente ähnlich besorgniserregende Ergebnisse bringen? Und was kann dazu beitragen, mögliche negative Folgen für die motorische und emotionale (und kognitive?) Entwicklung der Frühchen zu verringern? Nach meiner Erfahrung ganz sicher nicht allein vermehrte taktile Stimulation durch Kuscheln, haben doch andere Arbeiten gezeigt, wie wichtig visuelle und vor allem auditive Stimulationen (vor allem mit der Sprache der Mutter) sind. Die taktile Wahrnehmung ist sicher nicht die wichtigste perzeptive Leistung, wenn es in einem modularen Modell der Hirnfunktionen überhaupt eine solche Hierarchie gibt. Die isolierte Betrachtung eines sensorischen Moduls („Abnormal tactile processing and neurological thresholds are associated with worse cognitive, motor, and language outcomes in preterm infants“) beweist nicht das Gegenteil in einem komplexen mulitimodalen System.

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