Lesen, Schreiben, Analphabetismus

Ca. 2,3 Mill. erwerbstätiger Jugendlicher und Erwachsener in Deutschland verfügen laut leo.- Level-One Studie nicht über ausreichende Fähigkeiten im Lesen und Schreiben. Ca. 300.000 können nicht einmal ihren eigenen Namen schreiben.

Auf andere Weise alarmierend sind die Ergebnisse des jüngsten Bildungsvergleichs (Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen IQB, 2016), bei dem die Grundschüler in Baden-Württemberg ihre Spitzenplätze in Kernfächern verloren und rasant ins Mittelfeld abstürzten (wie auch die Neuntklässler im Bildungsvergleich 2015). „In Baden-Württemberg wurde zu viel über Schulstruktur diskutiert und zu wenig über Unterricht“, sagt dazu die baden-württembergische Kultusminsterin Susanne Eisenmann (CDU) (im Bild). Sie empfahl dringend, didaktische Fehlentwicklungen wie z.B. „Lesen durch Schreiben“, einer Methode, die auf Jürgen Reichen zurückgeht, zu korrigieren, und stimmt damit ein in die Kritik zahlreicher Bildungsforscher.

Doch statt sich mit dieser Kritik inhaltlich auseinander zu setzen, streiten sich jetzt die Fraktionen im Stuttgarter Landtag über Bildungspolitik und Finanzierung. Die Lehrerverbände und die Gewerkschaft GEW verbitten sich solcherart Einmischung und fordern stattdessen mehr Stellen. (Tatsächlich wurden auch in einigen Bundesländern Stunden für den Lese- und Rechtschreibunterricht gekürzt.)

Derweil darf die Rechtschreibmethode von Reichen trotz fehlender wissenschaftlicher Beweise weiterhin in zahllosen Veranstaltungen und Publikationen als die Richtige und Angemessene gefeiert werden. Inzwischen mehren sich aber auch die kritischen Stimmen von Eltern. Analog zur Methode „Lesen durch Schreiben“ würde wahrscheinlich kein Mensch auf die Idee kommen, den gleichen Kindern das Rechnen mit dem Ausprobieren falscher Lernstrategien nahe zu legen, die dann später wieder korrigiert werden müssten. Journalistisch ist die Kritik an der Reichen-Methode im SPIEGEL 25/2013 sehr gut aufgearbeitet worden. Darin wird auch Prof. Renate Valtin zitiert, die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Lesen und Schreiben. Sie sagt ganz klar: „,Lesen durch Schreiben‘ muss verboten werden.“ Mögen bitte Frau Eisenmann und andere politisch Verantwortliche standhaft bleiben, auch zur Verringerung der Zahl „funktionaler“ Analphabeten.

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