Kinder lernen Vorurteile sehr schnell

Kinder (und nur Kinder?) lernen Vorurteile unbewusst und sehr schnell und recht früh. Unter dem Titel „Catching“ Social Bias veröffentlichten Alison Skinner und Mitarbeiter im Dezember 2016 eine Studie, die zeigt, dass Vorschulkinder sehr genau auf nonverbale Signale achten. „Schon eine Szene, in der ein Erwachsener nonverbale Signale der Abneigung gegenüber einem anderen ausdrückt, reicht aus, um beim Kind soziale Vorbehalte zu wecken – und diese auf eine ganze soziale Gruppe zu übertragen. „Wollen Eltern verhindern, dass ihre Kinder solche Vorurteile entwickeln, sollte sie daher sehr genau auf ihre eigene, unbewusste Reaktion achten“, resümiert Nadja Podbregar in wissenschaft.de.

Im ersten Versuch mit vier- und fünfjährigen Kindern sahen sie zwei Videos, in dem jeweils eine Frau eine andere begrüßte und ihr dann eines von zwei Spielzeugen gab. Der gesprochene Text war in beiden Filmen identisch, die nonverbale Reaktion unterschied sich jedoch: Im ersten Video zeigte die Geberin eine positive Haltung gegenüber der Empfängerin: Sie lächelte sie an, sprach mit warmer Stimme und neigte sich ihr zu. Im zweiten Film drückte ihre Körperhaltung und ihre Mimik dagegen Abneigung und Widerwillen aus. Nach dem Anschauen der Videos wurden die Kinder gefragt, welche der beiden Empfängerinnen sie netter fanden und mit welcher sie eher ihr Spielzeug teilen würden. Wie erwartet, reagierten die Kinder auf die nonverbalen Signale: Zwei Drittel der Kinder gaben ihr Spielzeug der im Film wohlwollend behandelten Frau. „Das bestätigt, dass Vorschulkinder nonverbale soziale Signale aufnehmen und danach handeln“, so Skinner und ihre Kollegen.

Die Frage aber bleibt, ob die Kinder auch generalisieren: Entwickeln sie aus der Beobachtung einer einzigen sozialen Interaktion allgemeine Vorurteile einer ganzen Gruppe gegenüber? Um das zu untersuchen, führten die Forscher ein zweites Experiment mit einer zweiten Kindergruppe durch. Wieder zeigten sie die beiden Videos. Diesmal jedoch trugen die beiden Empfängerinnen verschiedenfarbige T-Shirts – eine ein rotes, die andere ein schwarzes. Noch bevor die Handlung im Video begann, wiesen die Experimentatoren die Kinder darauf hin: „Sie gehört zur roten Gruppe“ oder „Sie gehört zur schwarzen Gruppe“. Nach dem Anschauen der Videos traten zwei fremde Personen auf, die jeweils ein rotes oder schwarzes T-Shirt trugen. Die Forscher wiesen die Kinder auf die Farbe hin und erklärten, sie seien die „besten Freunde“ der im Video gesehenen Frau. Die kleinen Probanden sollten auch diesmal angeben, wen sie netter fanden und wem sie ein Spielzeug geben würden.

Das Ergebnis: Die Kinder bevorzugten die Person mit der T-Shirt-Farbe, die im Video wohlwollender behandelt worden war. „Das belegt, dass die Wahrnehmung nonverbaler Bewertungen zur Entwicklung neuer sozialer Vorurteile bei Vorschulkindern führen kann“, sagen die Wissenschaftler. Es sei zudem erstaunlich, wie schnell dies funktioniere – eine kurze Videoszene reichte. „Kinder nehmen viel mehr wahr als wir glauben“, sagt Skinner. „Man muss ihnen gar nicht explizit sagen, dass eine Gruppe besser ist als eine andere – sie bekommen diese Botschaft schon aus unserem eigenen Verhalten.“ Für Eltern (und sicher auch für pädagogische oder therapeutische Fachkräfte) bedeutet dies: Selbst wenn sie versuchen zu vermeiden, ihre eigenen Vorbehalte offen vor den Kindern auszudrücken, können sie sie unbewusst und unbemerkt verraten. „Das unterstreicht die Notwendigkeit, dass Eltern sich sehr genau bewusst sein sollten, welche Botschaften sie verbal und nonverbal über andere Menschen ausdrücken“, sagt Skinner.

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