„Internetsucht“, was ist denn das?

Welches Medien- und Spielverhalten ist noch normal? Wie definiert sich ein Suchtverhalten? In einer großen europaweiten Studie von 2010 definieren die Koordinatoren der Universität Mainz: „Internetsuchtverhalten ist ein dysfunktionales Verhaltensmuster, welches sich durch wiederholten Kontrollverlust in Bezug auf die Internetnutzung charakterisieren lässt. Dieses Verhalten kann zur Vernachlässigung verschiedener Lebensbereiche (z.B. sozialer Kontakte, ausbildungsbezogener Belange, Freizeitaktivitäten), zu sozialer Isolation sowie gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen.“

Hahn und Jerusalem (2001) definieren:

  • über längere Zeitspannen der größte Teil des Tageszeitbudgets zur Internetnutzung verausgabt wird, hierzu zählen auch verhaltensverwandte Aktivitäten wie beispielsweise Optimierungsarbeiten am Computer (Einengung des Verhaltensraums),
  • die Person die Kontrolle über ihre Internetnutzung weitgehend verloren hat bzw. Versuche, das Nutzungsausmaß zu reduzieren oder die Nutzung zu unterbrechen, erfolglos bleiben oder erst gar nicht unternommen werden – obwohl das Bewusstsein für dadurch verursachte persönliche oder soziale Probleme vorhanden ist (Kontrollverlust),
  • im zeitlichen Verlauf eine Toleranzentwicklung zu beobachten ist, also die Verhaltensdosis zur Erreichung der angezielten positiven Stimmungslage gesteigert werden musste,
  • als Folge zeitweiliger, längerer Unterbrechung der Internetnutzung Entzugserscheinungen auftreten als Beeinträchtigungen psychischer Befindlichkeit wie Unruhe, Nervosität, Unzufriedenheit, Gereiztheit und Aggressivität,
  • psychisches Verlangen nach der Internetnutzung besteht (craving),
  • wegen der Internetaktivitäten negative soziale Konsequenzen in den Bereichen Arbeit und Leistung sowie soziale Beziehungen eintreten, wie zum Beispiel Ärger mit der Familie, Freunden oder dem Arbeitgeber.

Nach diesen Definitionen kam eine Untersuchung der Bundesregierung 2011 zu dem Ergebnis, dass in Deutschland 2,4% der 14- bis 24-Jährigen und 4% der 14- bis 16-Jährigen abhängig von Internet, sozialen Medien und Online-Spielen sind.

Jetzt liegt eine aktuelle Studie der Universität Mainz vom November 2016 vor. Prof. L. Reinecke und Mtarbeiter kommen dabei zu dem Ergebnis, dass 0.9% der 14- bis 17-Jährigen Internet-süchtiges Surfverhalten zeigen und dass 9.7% gefährdet sind. Reinecke weist auf mögliche Gefahren hin: Menschen präsentieren sich auf Internet­platt­formen oft nur von ihrer Schokoladenseite. „Wenn man als Betrachter vergisst, dass das ein nur positiver Ausschnitt ist, dann erscheint das eigene Leben weniger farben­froh“, sagte Reinecke. Daraus könnten Frustration und Unzufriedenheit entstehen. Be­sonders häufig verglichen Kinder und Jugendliche ihren Körper mit den Körpern von an­deren. Die Pubertät ist der Zeitraum, in dem sich viele zentrale Fragen stellen und geklärt werden: Wer bin ich, wer will ich sein?“, sagte Rei­necke. In diesem Abschnitt sei es besonders spannend zu sehen, wie Medien wirkten. „Sind sie positive Begleiter oder überwiegen die Gefahren und Risiken?“. Da gebe es noch kaum Untersuchungen.

Die Forscher des Mainzer Instituts für Publizistik stellten durchaus auch Nutzen durch Inter­net­nutzung fest. Bei der Definition der eigenen Identität und der Abgrenzung von den Eltern könnten soziale Medien eine wichtige Orientierungsfunktion bieten, sagte Reinecke. „Die Schüler sehen, wie Gleichaltrige mit ähnlichen Fragen umgehen; wie diese sich verhal­ten.“

In einem Online-Test finden Jugendliche und Eltern 10 typische Merkmale von (drohendem) Suchtverhalten. Prävention und Auswege aus der Computerspiel- und Internetsucht zeigen viele Beratungsstellen auf, hier die Berliner Beratungsstelle Lost In Space und „Digital – voll normal“. Und da wir nun schon mal im Internet sind: Im Universitätsklinikum Bochum wurde OASIS entwickelt, eine Online-Ambulanz für Internetsüchtige. Praktisch: mit Selbsttest für Betroffene und für Angehörige.

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