Gegen die Kurzsichtigkeits-Epidemie hilft: Kinder an die Sonne und weiße Schrift auf schwarzem Grund

Diesen Begriff benutzt die Augenärztin Padmaja Sankaridurg vom Brien Holden Vision Institute in Sydney abgesichts der in Europa, den USA und vor allem in Asien stark steigenden Zahlen an Menschen mit Kurzsichtigkeit (Myopie). Die Gutenberg-Gesundheitsstudie ergab bei mehr als der Hälfte der Hochschul-Absolventen eine Myopie. Es wird befürchtet, dass bis Ende dieses Jahrzehnts weltweit rund 2,5 Milliarden Menschen an der Sehstörung leiden könnten.

In China beträgt die Kurzsichtigen-Quote 31 Prozent, das entspricht dem Wert in westlichen Ländern. An weiterführenden Schulen sind aber 77 Prozent der Jugendlichen kurzsichtig, an den Universitäten sind es noch mehr. Auch in westlichen Ländern steigt die Quote mit der Bildung. Woran liegt das? Und warum ist das besonders in Asien so ausgeprägt?

Eine australische Studie, die 2012 in der Zeitschrift The Lancet erschien, macht mehrere Faktoren für diesen Trend verantwortlich. Erstens: Asiatische Schüler und Studenten arbeiteten härter als westliche, sie verbrächten mehr Zeit vor Büchern und Bildschirmen. Das stresst die Augen und regt das Längenwachstum des Augapfels an. Und wenn der zu groß ist, kann die Linse das Bild nicht mehr auf der weiter entfernten Netzhaut fokussieren.

Die Vererbung spielt zwar auch eine Rolle, aber entscheidend ist: Die jungen Asiaten bekommen zu wenig Sonnenlicht ab (nur die Asiaten?). Zusätzlich zu den vielen Stunden, die sie mit Lernen verbrächten, sei in diesen Ländern häufig noch ein Mittagsschlaf üblich, sodass sich die Kinder nur eine Stunde pro Tag im Freien aufhielten. Sonnenlicht aber rege die Produktion von Dopamin an. Von diesem Botenstoff wird vermutet, dass er das Längenwachstum des Augapfels bremst und so der Kurzsichtigkeit vorbeugt. Zwei bis drei Stunden an der frischen Luft würden die schädlichen Folgen des vielen Lesens wieder kompensieren, heißt es in der Studie, die von der Zeit zitiert wird. Hinzu kommt, dass durch die Luftverschmutzung in China viele Kinder weder die Sonne sehen noch die Gebäude verlassen sollen. Kindergärten und Schulen wurden aufgefordert, die Kinder mindestens zwei Stunden täglich an das Licht zu schicken (wenn es denn hell wird).

Aber auch in Deutschland fordert der Augenarzt Wolf Lagrèze vom Universitätsklinikum in Freiburg: „Die Lichtmenge ist der entscheidende Faktor. Weil Tageslicht um den Faktor 100 heller ist als Licht in Innenräumen, empfehle ich Eltern: Schicken Sie Ihre Kinder mindestens zwei Stunden pro Tag raus!“

Untersuchungen der Tübinger Wissenschaftler um Professor Frank Schaeffel vom Forschungsinstitut für Augenheilkunde haben noch einen anderen  Erklärungsansatz geliefert, berichtet univadis. Das Lesen von schwarzem Text auf hellem Hintergrund fördert die Kurzsichtigkeit, das Lesen von hellem Text auf dunklem Hintergrund hingegen wirkt der Myopie entgegen.

In der Netzhaut gibt es nämlich Zellen, die bewerten, ob in ihrem lichtempfindlichen Bereich die Mitte heller und die Umgebung dunkler ist (ON-Zellen). Andere wiederum bewerten, ob die Mitte dunkler, und die Umgebung heller ist (OFF-Zellen). Während einer normalen Seherfahrung werden beide Typen ähnlich stark gereizt. Mittels der optischen Kohärenztomographie (OCT) kann im lebenden Auge die Dicke der Gewebsschichten genau vermessen werden. Anhand der Veränderung der Dicke der Aderhaut kann vorhergesagt werden, wie das Auge wachsen wird. Wird die Aderhaut dünner, weist das auf die Entwicklung einer Myopie hin, wird sie dicker, bleibt das Augenwachstum gehemmt, es entwickelt sich keine Myopie.

Alleman, Wang und Schaeffel haben nun Versuchspersonen dunklen Text auf hellem Hintergrund lesen lassen sowie hellen Text auf dunklem Hintergrund. Bereits nach 30 Minuten konnten sie mit der OCT messen, dass die Aderhaut des Auges dünner wurde, wenn schwarzer Text gelesen wurde, und dicker, wenn Text mit umgekehrtem Kontrast gelesen wurde.

Die Befunde der Tübinger Forscher lassen erwarten, dass schwarzer Text auf hellem Hintergrund die Myopieentwicklung fördert, und heller Text auf dunklem Hintergrund die Myopie hingegen hemmt. Den Textkontrast umzukehren, wäre deshalb eine einfach umzusetzende Maßnahme, die Myopieentwicklung aufzuhalten, denn immer mehr Zeit wird beim Arbeiten und Lesen an Computerbildschirmen und Tablets verbracht. Um diese Strategie gegen die Entwicklung von Kurzsichtigkeit zu überprüfen, haben die Wissenschaftler eine Studie mit Schulkindern geplant. Ihre aktuelle Untersuchung zeigt aber bereits im Experiment, dass sich die Aderhautdicke in beide Richtungen ändern kann: nur durch Lesen mit verschiedenem Textkontrast.

 

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