Die Bereitschaft, Kinder zu impfen: eine Vertrauensfrage?

Infektionskrankheiten wie z.B. Masern könnten schon längst der Vergangenheit angehören, wenn mehr als 95% der Bevölkerung geimpft wären. Die Impfpflicht, wie es sie z.B. in der DDR gab, ist jedoch in vielen Ländern Europas abgeschafft worden. Das hat dazu geführt, dass die Zahl der Masernfälle in Europa im das Dreifache angestiegen ist. Spitzenreiter in Europa ist mit großem „Vorsprung“ die Ukraine. Fehlende Impfungen sind z.T. durch die Kriegs- und Armutssituation bedingt. Aber auch in Deutschland (2017: 929, 2018: 543 Fälle), Frankreich (2018: 2913 Fälle), Italien (2018: 2517 Fälle) und England (2018: 953 Fälle) melden bedenklich hohe Fallzahlen. Europaweit wurden 2018 72 Todesfälle durch Masern gezählt, verglichen mit  42 im Jahr 2017. Nicht meldepflichtig sind die Fälle von Kindern mit chronischer Hirnentzündung durch Masern, die nicht heilbar ist.

Wie kommt es zu solch einer Impfmüdigkeit und Impfablehnung durch die Eltern? Beigetragen hat sicher die Verbreitung von betrügerischen Veröffentlichungen, die in den sozialen Medien wie eine Wahrheit verbreitet wurden: So publitierte der Ex-Arzt Andrew Wakefield in England gefälschte Zahlen, die zu der Behautung führten, die Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) könne Autismus verursachen. Auch nach Überführung und Verurteilung (offensichtlich wollte Wakefield den Herstellern von Impfstoffen schaden) dieses „Arztes“ wurden seine Behauptungen weiter verbreitet. Mehr noch: In vielen Bereichen wurde die Ablehnung von Impfungen mit dem Glauben verbunden (und missionarisch in Filmen, Blogs und Vorträgen „untermauert“), die pharmazeutische Industrie sei als Teil des kapitalistischen Systems nur an Profit interessiert und verheimliche die Impfrisiken. So wurde aus einer Krise des Vertrauens eine politische Haltung.

Lange Zeit hat man versucht, dem Misstrauen mit Fakten zu begegnen. Mit geringem Erfolg: Kürzlich nahm die WHO die Vermeidung oder Verzögerung von Impfungen sogar in die Liste der globalen Bedrohungen für die Gesundheit  auf. Mitschuldig seien Google und Facebook, schreibt der „Spiegel“-Kolumnist Christian Stöcker. Insbesondere Google, Facebook und YouTube seien „Nährboden und Verstärker für Anti-Impf-Verschwörungstheorien. Weil Inhalte, die Angst und Wut auslösen, dort besonders gut laufen“, so Stöcker in seinem Beitrag zur „Tödlichen Dummheit“ der Impfgegner.

Allerdings haben die Wissenschaften auch ihren Anteil an der Misere. Wissen und Nicht-Wissen seien nicht vollständig und transparent kommuniziert worden. Statt Bürger zu informieren, seien diese oft paternalistisch behandelt worden, das Vertrauen der Öffentlichkeit in Impfungen und Institutionen sei dadurch beschädigt worden, schrieben 2010 rückblickend Dr. Markus Feufel und Professor Gerd Gigerenzer (Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin) sowie Professor Gerd Antes vom Deutschen Cochrane Zentrum (Universität Freiburg) im „Bundesgesundheitsblatt“ . Wie wichtig Vertrauen in diesem Zusammenhang ist, weiß auch der Präsident des Robert-Koch-Instituts Lothar H. Wieler , den die Angst vor einem weiteren Vertrauensverlust dazu bewegt, sich gegen eine Impfpflicht auszusprechen.

Andere hingegen möchten nicht so lange warten, bis das Vertrauen wiederhergestellt ist. So gilt in fünf Kindertagesstätten in Essen mit privater Trägerschaft ab sofort für alle Kinder die Impfpflicht. Die Stadt Essen lobte die Idee, fand sich bezeichnenderweise jedoch nicht in der Lage, sie in allen kommunalen Einrichtungen zu übernehmen. Wie weit geht denn die Entscheidungsfreiheit der Eltern gegenüber der Fürsorgepflicht des Staates? Zumindest können die zuständigen Behörden ungeimpfte Personen bei Auftreten von Masern in einer Gemeinschaftseinrichtung (z. B. Kita, Schule, Hort) nach dem Präventionsgesetz  vorübergehend vom Besuch der Einrichtung ausschließen. In Italien hat die populistische Regierung trotz aller Proteste und entgegen ihrer eigenen Ankündigung die Impfpflicht eingeführt. Mit Erfolg: Der auf 80% verringerte Anteil der geimpften Kinder erhöhte sich auf nahezu 95%, der erforderlichen Rate, um Ausbrüche kleiner Epidemien zu verhindern.

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