Wieviel Digital braucht das Kind?

Dass schon kleine Kinder emsig auf Smartphones wischen, wird von vielen Eltern als Beleg für ihre digitale Intelligenz gewertet. In der Realität bleiben die Kompetenzen der Kleinen aber recht limitiert. Die Study (ICILS) testete Achtklässlerinnen und Achtklässler auf ihre digitalen Kompetenzen im internationalen Vergleich. Die Studie wurde zum ersten Mal 2013 durchgeführt. Deutschland landet wie beim letzten Mal im Mittelfeld. Die Icils-2018-Studie testet zum ersten Mal das sogenannte Computational Thinking.  Es handelt sich um die Fähigkeit, mithilfe von digitalen Medien und Algorithmen Probleme zu bearbeiten. Beim Icils-Test müssen die Achtklässler zum Beispiel einen selbstfahrenden Schulbus steuern, oder sie müssen eine landwirtschaftliche Drohne so programmieren, dass Saatgut passgenau auf die Felder ausgebracht wird.

Warum schneiden deutsche Schüler schlecht ab? Ein Faktor ist die mangelhafte Computerausstattung. Nur ein Viertel der Schülerinnen und Schüler in Deutschland besucht eine Schule, in dem Lehrkräfte wie Schüler Zugang zu WLAN haben, international sind das 64 Prozent, in Dänemark 100 Prozent. Da liegen Welten zwischen. Ein anderes Beispiel ist die Computerausstattung: In Deutschland kommen auf einen von der Schule gestellten Computer im Schnitt zehn Schüler pro Klassenraum. 

Der zweite Faktor sind die beschränkten Kenntnisse und Fähigkeiten, die Schüler mitbringen (siehe oben: hoffnungslos überschätzt): Rund ein Drittel der Schüler landet auf den untersten beiden Kompetenzniveaus. Diese Schüler können nicht viel mehr als eine E-Mail anklicken oder einen Suchbegriff eingeben. Die Quellen im Internet kritisch hinterfragen oder in irgendeiner Weise produktiv mit den digitalen Medien umgehen, da hört es dann auf. Dieser Wert hat sich seit 2013 nicht signifikant verändert. 

Der dritte Faktor sind die mangelhaften Fähigkeiten der Lehrkräfte (oder ihre fehlenden Überzeugungen). Dazu gehört, dass die meisten Lehrer, die digitale Medien im Unterricht nutzen, den Frontalunterricht mit anderen Mitteln fortsetzen: Sie nutzen die Digitalmedien häufig, indem sie an der digitalen Tafel etwas präsentieren. Etwas anderes ist es, wenn die Schüler selbst an einem Gerät etwas recherchieren, rechnen oder sich erarbeiten. Das kommt in Deutschland weiterhin nur selten vor. Gerade das Potenzial der digitalen Medien, auf individuelle Lernbedürfnisse der Schüler einzugehen, bleibt so ungenutzt. Einen schönen Einblick in den Unterricht in Dänemark gibt der Beitrag von Martin Spiewak auf zeit.de.

Der vierte Faktor sind die unterschiedlichen Erwartungen an die Digitalisierung: Wenn nur ein Viertel der Schulen ein funktionierendes WLAN hat, sind die inhaltlichen Ansprüche gering. „Die Kinder müssen ja nicht gleich programmieren lernen.“ Andere erwarten genau das Gegenteil: „How to Get Started Teaching Coding“, fragt ein Beitrag in edutopia. In einem Beitrag der GEW wird das kulturelle Angebot digital erweitert: Sich „spielend“ und „en passant“ die Welt erschließen, in diesem Fall Ausstellungsobjekte und Sammlungen in Museen virtuell besuchen. Abgesehen von dem dahinter stehenden Lernbegriff eine seltsame Vorstellung. Bei Europeana kann man beispielhaft anschauen, was es da schon gibt.

Den fünften Faktor will ich hier nur als Stichwort anfügen: Bezeichnend erscheint mir, dass alle Beiträge auf den Bereich der schulischen Bildung fokussieren. Der Vorschulbereich bleibt mal wieder ganz außen vor in der Betrachtung.

 

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