„Weichmacher“ sind überhaupt nicht soft

Wenn ich Wurst einkaufe, wird sie in ein Papier gewickelt, das mit einer dünnen Plastikschicht belegt ist, und kommt danach in eine Plastiktüte. Obst wird oft abgewogen in Plastikschalen mit Folienabdeckung angeboten. Das Eis, das ich mir gönne, wird in einer Plastikschale verpackt. Der Einkauf wandert in eine Plastiktüte. Selbst beim Bio-Bauern gibt es überall Weichplastik. Stellen Sie sich einmal einen Einkauf ohne Plastik vor! Damit sich alles gut der Ware anpasst, werden dem an sich spröden Kunststoff Weichmacher beigefügt.

Weichmacher sind Stoffe, die Plastik zugesetzt werden, um sie weich, biegsam oder dehnbar zu machen. Die Chemikalien, von denen es mehrere Hundert verschiedene Varianten gibt, werden jedes Jahr in Mengen von mehreren Millionen Tonnen hergestellt. Aus der Gruppe der Weichmacher sind besonders Phthalate gut untersucht und unter diesen befindet sich Diethylhexylphthalat (DEHP), das als Weichmacher für PVC verwendet wir. Phthalate gibt es überall: Autoreifen, Kinderspielzeug, Verpackungsmaterial, Bodenbeläge, Rohre und Kabel, Teppichböden, Wandbeläge, Schuhsohlen, Vinyl-Handschuhe, KFZ-Bauteile, Dispersionen, Farben, Infusions- und Urinbeutel, Kontaktlinsen und Zahnfüllungen.

Weichmacher sind giftig

Aber: Die Weichmacher können aus dem Plastik austreten und gelangen dabei in die Umwelt und auch in die Nahrung. Über die Haut werden sie kaum aufgenommen. Phthalate befinden sich in unserer Nahrung, dem Trinkwasser, der Luft und den Gegenständen des alltäglichen Gebrauchs, aus denen sie langsam ausgewaschen werden. So ist die Allgemeinbevölkerung Phthalaten ständig ausgesetzt. DEHP ist seit vielen Jahren als Umweltgift bekannt. U.a. hat es eine hormonähnliche Wirkung. Aufgrund von toxikologischen Tierstudien wird es von der EU als „fortpflanzugsgefährdend“ eingestuft. In Tierversuchen führte die Gabe von Phthalaten zu einem geringeren Gewicht des Fötus, verlangsamter Knochenbildung und bei hohen Konzentrationen zu Missbildungen u.a. von Fortpflanzungsorganen, Nieren und Augen. Außerdem wurde eine erhöhte Unfruchtbarkeit und eine Reduktion der Anzahl und des Gewichts der Nachkommen festgestellt. Außerdem nahm die Spermienanzahl ab. Eine im Jahr 2000 veröffentlichte Studie in Environmental Health Perspectives hat ergeben, dass weite Teile der US-Bevölkerung mit Phthalaten belastet sind. Bei einer im Jahr 2012 von Forschern des Brigham and Women’s Hospital durchgeführten Studie wurden Urinproben von 2350 Frauen aus allen Teilen der USA auf deren Phthalat-Konzentration untersucht. Die Resultate der Wissenschaftler zeigten einen bemerkenswerten Zusammenhang zwischen dem Phthalat-Wert und Diabeteserkrankungen. Untersuchungen in Puerto Rico haben eine ungewöhnlich frühe Brustentwicklung bei jungen Mädchen nachweisen können. Die Studie, die im Jahr 2000 veröffentlicht wurde, verglich 41 Mädchen, die an unnatürlich früher Brustentwicklung litten, mit 31 normal entwickelten Altersgenössinnen. Dabei konnten die Forscher im Blut der Mädchen aus der ersten Untersuchungsgruppe die bis zu siebenfach höhere Menge an Phthalaten feststellen, als das bei den Mädchen aus der Kontrollgruppe der Fall war. „Dosisabhängig kann DEHP schädliche Wirkungen auf Hoden, Niere und Leber haben. So beeinträchtigt die Substanz im Tierversuch die Fortpflanzungsfähigkeit und führt zu Entwicklungsstörungen an den Geschlechtsorganen männlicher Nachkommen“, warnte das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) bereits 2003.

Die Befunde der Pilotstudie zum Kinder-Umwelt-Survey im Jahr 2001 zeigten, dass bei einigen Kindern, vorwiegend Jungen, die duldbare tägliche Aufnahmemenge von DEHP überschritten ist. Zentrum der Gesundheit berichtet zudem, dass Phthalate in Zusammenhang mit Störungen des Spielverhaltens, mit Verhaltensstörungen und mit ADHS bei Kindern stehen könnten. Die Untersuchungsergebnisse hierzu sind nicht eindeutig.

Aktuell berichtet DocCheck News, dass Phthalate das Allergie-Risiko von Kindern erhöhen. Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), der Universität Leipzig und des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) zeigen in ihrer aktuelle erschienenen Studie, dass Kinder ein größeres Risiko für ein allergisches Asthma  entwickeln, wenn die Mutter während der Schwangerschaft und Stillzeit besonders stark durch Phthalate belastet war.

Was wurde bisher getan?

Bereits 1999 wurden die meisten Phthalate in bestimmten Spielzeugen und Babyartikeln verboten. 2004 wurde das Verbot auf alle Spielzeug- und   Babyartikel ausgeweitet. Ebenfalls 2004 folgten das Verbot in kosmetischen Mitteln sowie die eingeschränkte Verwendung in anderen Konsumentenprodukten wie Farben und Klebstoffen. Von 2015 an darf DEHP nach der EU-Chemikalienverordnung REACH in der Gemeinschaft nicht mehr ohne Zulassung für die Herstellung von Verbraucherprodukten verwendet werden. Doch auch damit sind nicht alle Schlupflöcher gestopft. „Da der Stoff durch Importprodukte weiterhin eingeführt werden darf und in der Umwelt weit verbreitet ist, lässt sich nicht ausschließen, dass Spuren davon in Lebensmitteln vorkommen können“, stellt das BfR fest. Hintergrund für die neue Bestimmung ist wohl auch, dass Kinder mit dem Weichmacher oft stärker belastet sind als Erwachsene. Sie nehmen die Substanz nicht nur über die Nahrung, sondern zusätzlich beim Spielen über den Hausstaub auf. Kleinkinder stecken zudem viele Dinge in den Mund, darunter auch durch Weichmacher belastete Kunststoffe

Wie kann man Weichmacher meiden?

Produkte, die Phthalate enthalten, sind leider nicht unbedingt eindeutig erkennbar. Die Stoffgruppe der Phthalate umfasst verschiedene chemische Substanzen, die zwar alle einen Namen mit der Silbe „-phthalat“ am Ende tragen (wie z. B. Dimethylphthalat), aber oft abgekürzt werden (wie z. B. DMP). Wer beim Studieren des Beipackzettels von Medikamenten oder Kosmetika unbekannte Abkürzungen entdeckt, kann sich im Internet schlau machen, ob diese Abkürzung für einen gefährlichen Weichmacher steht. Naturkosmetik und natürliche Heilmittel werden in der Regel ohne die Verwendung von Weichmachern hergestellt. Kaufen Sie möglichst wenig Plastikspielzeug, besonders wenn es durch seinen geringen Preis aus Billiglohnländern mit fehlender toxikologischer Kontrolle kommen könnte! Denn: Dass die Kitas so viel stärker belastet sind als normale Haushalte, liegt vermutlich an der großen Zahl an Kunststoffprodukten, die dort verwendet werden. Schauen Sie sich zu Hause, in der Kita und in der Schule um, wo man Plastik durch andere Werkstoffe ersetzen könnte!

Wer Phthalate meiden möchte, sollte in jedem Fall auch keine Lebensmittel aus Plastikverpackungen oder Getränke aus Plastikflaschen zu sich nehmen. Erstaunlicherweise kann man oft beobachten, dass gerade Bio-Lebensmittel in Plastik verpackt werden. Daher sollte man am besten biologische Nahrungsmittel auf dem Markt kaufen. Quellwasser oder andere Getränke in Plastikflaschen sollte man nicht kaufen und Lebensmittel direkt beim Biobauern oder auf dem Markt erwerben. Viele bewusste Käufer bringen inzwischen Papier und Keramikschalen zum Einkauf mit. Bewahren Sie Lebensmittel im Schrank und im Kühlschrank möglichst selten in Plastikgefäßen oder in den Plastiktüten auf!

Biobasierte Weichmacher als Alternative?

Gesetzliche Bestimmungen und ein steigendes Umweltbewusstsein erfordern zunehmend phthalatfreie Produkte. Diese zu ersetzen ist nicht immer einfach. Inzwischen jedoch haben Forscher die Grundlagen für die industrielle Herstellung biobasierter Weichmacher weitgehend entwickelt. Diese greifen auf pflanzliche Rohstoffe zurück, beispielsweise auf der Basis von Bernsteinsäure. Zunächst durch Fermentation vor allem aus Mais hergestellt, lässt sich der Ausgangsstoff nun auch durch Wiederverwertung landwirtschaftlicher Abfallstoffe und von Reststoffen aus der Zuckerrohrproduktion gewinnen. Die Industrie plant bereits den Ausbau ihrer Pilotanlagen, denn die „grünen“ Weichmacher versprechen einen neuen Milliardenmarkt.

Filme zum Thema

ARD-Das Experiment – Leben ohne Plastik                                                               NDR-Der große Küchencheck                                                                                Gefährliche Weichmacher im Körper: Können wir ganz auf Plastik verzichten? Video RTL 21.5.2013

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