Knackt den Code! Der Entstehung von Autismus auf der Spur?

Nachdem die Behauptung, Autismus entstehe durch Masern-Impfung, als eine bewusste Fälschung in einer vermeintlich wissenschaftlichen Arbeit in England enttarnt wurde und nachdem diese Tatsache sich nach und nach herumspricht, bleibt die Frage nach den ursächlichen Faktoren nach wie vor ungeklärt. Nur so viel scheint eindeutig: Es gibt eine große Gruppe genetischer Faktoren und Umwelteinflüsse, die in Frage kommen. Dazu gibt es jetzt einige neuere Befunde.

  1. In Norwegen ist jetzt eine große Arbeitsgruppe der Universitäten in Oslo und Bergen, unterstützt von Mitarbeitern der Columbia Universität New York, der Frage nachgegangen, welche Rolle eine mütterliche Infektion während der Schwangerschaft spielen könnte. Die im Februar 2017 im mSphere, eine Fachzeitung der American Society for Microbiology publizierte Arbeit untersuchte mehrere Erreger, die während der Schwangerschaft oder unter der Geburt Infektionen beim Kind auslösen können: Toxoplasmose, Röteln, Herpes und Zytomegalie. Tatsächlich fand sich statistische Beziehung zwischen erhöhten Abwehrkörper Spiegeln im Blut gegenüber dem Herpes-Simplex-Virus 2 (HSV-2) während der Schwangerschaft und dem Risiko für eine Erkrankung aus dem Autismus Spektrum bei den Kindern. Das macht wahrscheinlich, dass eine mütterliche HSV2 Infektion ein auslösender Faktor für die Entstehung einer Autismus Erkrankung bei Kindern sein könnte. Herpes-Simplex-Virus Typ 1 löst meist einen Lippenherpes aus, während der Herpes-Simplex-Virus Typ 2 (HSV-2) der häufigste Erreger des Genital-Herpes ist. Therapeutische Konsequenzen mit Medikamenten während der Schwangerschaft sind sicher nicht leicht abzuwägen angesichts der hohen Verbreitung von Herpes-Infektionen.
  2. In den medizinischen Nachrichten von univadis findet man den Hinweis auf eine weitere interessante Arbeit aus vier amerikanischen Kliniken: Forscher haben in Kernspin-Aufnahmen (MRT) des Säuglingsgehirn Besonderheiten identifiziert, die das Risiko zur Entwicklung von Autismus mit einer 80%igen Wahrscheinlichkeit vorhersagen können. Die MRT Studie mit 106 Säuglingen mit hohem familiärem Risiko für Autismus und 42 Säuglingen mit niedrigem Risiko ergab bei Kindern, bei denen Autismus mit 24 Monaten diagnostiziert wurde, im Alter von sechs bis zwölf Monaten eine Verdickung in Teilen der Hirnrinde zeigte und im Alter von 12–24 Monaten ein übermäßiges Wachstum des Hirnvolumens. Die in Nature in diesem Monat veröffentlichten Ergebnisse könnten eine sehr frühe Diagnose einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) ermöglichen, und damit eine frühe therapeutische Intervention, zumindest bei Kindern mit einem hohen familiären Risiko. „Dies wäre ein großer Fortschritt gegenüber dem in den USA durchschnittlichen Diagnosealters von vier Jahren“, sagte Annette Estes, eine der Autorinnen und Direktorin des UW Autism Center. Sie ist auf dem Bild oben mit einem Kind mit Autismus zu sehen.
  3. Die weltweit größte Genom Datenbank MSSNG (gesprochen: Missing) hat in ihrem Autism Speaks MSSNG project 18 neue Gene identifiziert, die als Kandidaten für ein erhöhtes Autismus Risiko in Frage kommen. Sie wurden vor wenigen Tagen in Nature Neuroscience veröffentlicht. Darunter befinden sich mindestens zwei Varianten, die mit einem Risiko für Krampfanfälle assoziiert sind und eine mit einem Risiko für Herzfehler. Das Projekt hat nun bereits 61 genetische Variationen mit einer Verbindung zu Autismus gefunden. Die hohe Zahl der in Frage kommenden Gene und die Assoziation mit Fehlbildungen macht deutlich, wie breit gestreut die individuelle Symptomatik der Betroffenen ist, jede mit eigenen Subtypen betreffend den Auswirkungen auf das Verhalten und die medizinischen Variationen. Anders ausgedrückt: Ein einziges besonderes Autismus Gen wird es nicht geben. Darauf deutet ja schon die große Zahl von genetischen Erkrankungen hin, die mit autistischem Verhalten einhergehen. Weitere Studien werden gebraucht, um das Geheimnis zu knacken („to crack the code“).

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