Gewichtsreduktion per Operation, jetzt auch für Jugendliche

„Jetzt haben US-Forscher die Auswirkungen einer Vollkorn-Kost untersucht“ schreibt Nadja Podbregar auf bild der wissenschaft. „Ihre Ergebnisse: Eine Vollkorn-Kost fördert nicht nur den Anteil gesunder Bakterien im Darm, auch Immunzellen werden positiv beeinflusst. Gleichzeitig steigt der Grundumsatz des Stoffwechsels an – als Folge verbrennen wir immerhin täglich rund 100 Kilokalorien mehr.“ Viel zu weit weg für viele Jugendliche, deren Übergewicht mit der Methode „Nahrungsumstellung plus Bewegung plus Beratung“ nicht zu beeinflussen war.

Deshalb gibt es jetzt auch für Jugendliche die Möglichkeit einer operativen Behandlung. Die diversen Verfahren kann man nachlesen oder im Video anschauen. Bei YouTube finden sich auch zahlreiche Beiträge von operierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Prof. Dr. Thomas Hüttl vom Adipositas-Zentrum München moniert eine Unterversorgung bayrischer Patienten, da die Kostenübernahme der Krankenkassen in Bayern absinke, während sie bundesweit um 11% im Vergleich zum Vorjahr zugenommen habe. Im Vergleich zu europäischen Nachbarländern wird Deutschland gar als Entwicklungsland bezeichnet. Diese Zahlen und deren Zuschreibung haben mich doch recht nachdenklich gemacht.

Da kommt eine kritische Betrachtung von Nadine Eckert auf die operative Behandlung Jugendlicher bei medscape  gerade recht: „Macht die Op langfristig krank?“. Sie ziteriert zunächst Prof. Dr. Martin Wabitsch, Leiter der Sektion Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin Ulm: „Jugendliche, die bariatrisch operiert werden, meinen oft, mit dem Eingriff sei das Problem gelöst. Sie kommen nicht mehr zu den Nachsorgeuntersuchungen, und drei Viertel von ihnen nehmen hinterher nicht regelmäßig die notwendigen Supplemente ein.“ „Supplemente“ sind die notwendigen Nahrungsergänzungsmittel wie Vit B12 und Eiweiße. Doch dazu später.

Nur damit man weiß, worüber wir jetzt reden: Jugendliche mit einem Body Mass Index (BMI) >50. Zur erleichterten Vorstellung (BMI Rechner gibt es ja zahlreich im Internet): Ein 17Jähriger mit einer Körperlänge von 175 cm müsste über 150 kg wiegen, um auf einen BMI >50 zu kommen, eine 19Jährige mit 160 cm über 125 kg. Mit der üblichen „Behandlung“ (siehe oben) nehmen diese Jugendlichen meist nur weiter zu.

Dr. Thomas H. Inge und Kollegen aus der Kinderchirurgischen Klinik in Cincinnati berichten von 58 Jugendlichen, die im Alter von durchschnittlich 17 Jahren einen Magenbypass erhielten. Zu dem Zeitpunkt hatten sie im Schnitt einen BMI von 58,5 kg/m2! Der Erfolg ist hervorragend: Nach 8 Jahren hatten die mittlerweile 25Jährigen  einen BMI von 41,7 kg/m2. Neben der drastischen Gewichtsreduktion gab es positive Veränderungen im Herz-Kreislauf-System: Nur noch 16% der Operierten hatte Bluthochdruck (vor Op 47%). Störungen des Fettstoffwechsels verringerten sich von 86% auf 38%. Und auch die Zahl der Diabetiker hatte abgenommen – von 16% auf 2%.

Und jetzt die Nachteile: Die verringerte Magenoberfläche und die partielle Ausschaltung des Zwölffingerdarms bedeuten einen großen Eingriff in das Verdauungs- und Stoffwechselsystem. Risiken sind:

  • Mangelernährung durch fehlende Vitamine und Mineralstoffe
  • Eiweißmangel
  • Gallensteine
  • Unverträglichkeit bisher problemloser Lebensmittel

Außerdem: Die Magenbypass-Operation kann nicht rückgängig gemacht werden.

In der Studie von Inge wiesen 46% der Studienteilnehmer eine leichte Anämie, 45% eine Überfunktion der Nebenschilddrüse und 16% niedrige Vitamin B12-Werte auf. 25% der chirurgisch behandelten Jugendlichen mussten in den folgenden 5 Jahren erneut operiert werden mussten, entweder aufgrund von Komplikationen des Eingriffs oder weil sie zu schnell abnahmen. Nach Olbers und Mitarbeitern wiesen in einer nationalen schwedischen Studie 72% der operierten Jugendlichen irgendeine Art von Nährstoffdefizit auf.

Es kommt also darauf an, nicht in erster Linie immer mehr Jugendliche zu operieren, sondern sehr genau zu untersuchen, wer die Kriterien für eine Operation erfüllt. Die Kriterien umfassen neben den klassischen wie BMI und Folgeerkrankungen unter anderem auch das Vorliegen eines psychologischen Gutachtens, den Ausschluss von Alkohol- und Drogenabusus und dass der Patient in einem stabilen und unterstützenden psychosozialen Umfeld lebt und auch nach dem Eingriff leben wird. Prof. Babitsch aus Ulm im medscape Interview: „Bei Jugendlichen, die zuhause keinen Halt haben, die nach der Operation niemanden haben, der sie dabei unterstützt, ihre Supplemente einzunehmen und auf eine gewisse Esskultur zu achten, verbietet sich dieser Eingriff. Leider ist dies bei extrem Adipösen häufig der Fall“. Und: „„Leider werden auch Jugendliche operiert, die eine andere Grunderkrankung haben, entweder eine syndromale Adipositas oder einen Gendefekt“.

Und ein positiver Ausblick: Ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördertes Projekt, die JA-Studie. In dieser Studie wird ein vorbereitendes Schulungsprogramm für Jugendliche an den Universitätszentren in Ulm, Berlin, Datteln, Leipzig und Essen erprobt. „Im Rahmen dieses Programms erhalten die Jugendlichen Schulungseinheiten, die sie auf die Operation vorbereiten sollen. Erst nach Durchlaufen des Schulungsprogramms werden sie dann noch einmal für die Operation evaluiert“, berichtet Wabitsch.

Lassen wir am Ende Mela in einem Internet-Forum zu Wort kommen:

„die vorteile sind: ich hab damit 60kg abgnommen, ich fühle mich ausgeglichener, ich fühle wieder ein sättigungsgefühl und im allgmeinen habe ich ein viel besseres gefühl für die bedürfnisse meines körpers. ich bin um meilen glücklicher als vorher und die lebensqualität ist massiiiiiv gestiegen. ich gehe wieder unter leute, zeige mich gern usw.
die nachteile: mein immunsystem ist seit der op geschwächt und wenn ich nicht extrem acht gebe, stecke ich mich mit jeder grippe, erkältung an, mit der ich in berührung komme. mein kreislauf ist schwach. ich trage immer traubenzucker bei mir, falls er mir zusammen klappt. dies geschieht vor allem an konzerten, auf parties und einfach allgemein da, wo viele leute auf kleinem raum zusammentreffen. weitere nachteile? hmmm…..wenn ich zu fettig esse, wird mir übel, wenn ich das fett noch mit zucker kombiniere, macht mein kreislauf nicht mit. weiss aber nicht, ob das ein nachteil ist. man lernt dadurch seinen körper uind sein essverhalten kennen und kann es ändern.“

 

 

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