Was gegen eine Mandel-Operation spricht

Eine Entzündung der Mandeln ist bei Kindern sehr, sehr häufig: ca. 100.000 Erkrankungen pro Jahr in Deutschland. Die operative Entfernung der Bösewichter und Krankmacher ist eigentlich schon an gut definierte Regeln gebunden: z.B. mehr als fünf Infektionen nacheinander, evtl. Scharlach auslösend, oder starke Beeinträchtigungen durch eine Mandelvergrößerung wie z.B. Schluckbeschwerden, nächtliches Schnarchen mit Atempausen oder Störung der Sprachentwicklung. Die Indikationsliste ist in den Leitlinien gut beschrieben.

Was gegen eine Operation spricht? Die Mandeln sind Teil eines Abwehrsystems gegen Infektionen, das Lymphsystem des Rachenrings. Nachblutungen nach einer Mandel-Operation kommen auch vor, aber eher selten. Der Frage nach immunologischen Langzeitfolgen sind dänische Forscher nun in einer großen Studie (doi:10.1001/jamaoto.2018.0614) mit mehr als 60.000 Kindern  nachgegangen, deren Rachen- und/oder Gaumenmandeln („Polypen“) operativ entfernt wurden. Das Ergebnis: Der Verlust des Lymphgewebes im Mundrachenraum erhöht das Risiko für Infektionen der oberen Atemwege bis zum 30. Lebensjahr um den Faktor 1,99  bis 2,72. Hinzu kam auf 38 Operationen ein zusätzlicher Asthmapatient.

Nun gilt es, eine mögliche Operation der Mandeln noch kritischer abzuwägen und oder auch nur eine Teilentfernung der Mandeln durchzuführen.

Und wieder Neues vom ADS

Teil 1

Jetzt gibt es die neue Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und wurde von 30 Fachgesellschaften unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) veröffentlicht. Das diagnostische und therapeutische Ziel sind Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen. Die neue Leitlinie erreicht erstmals den höchsten Entwicklungsgrad, nämlich S3. Bemerkenswert ist die gelockerte Anwendung von Medikamenten. Im Unterschied zu früheren Empfehlungen rät die aktuelle Leitlinie dazu, schon bei mittelschweren Krankheitsformen Pharmaka einzusetzen. Selbst kritisch eingestellte Experten wie Professor Dr. Manfred Döpfner, Kinderpsychologe an der Uni Köln, sehen einen Mehrwert: „Die Kernsymptome der ADHS, die Hibbeligkeit und Unkonzentriertheit, sind ohne Medikamente schwer in den Griff zu bekommen“,

Bei den typischen Merkmalen des AD(H)S fordern die Autoren eine umfassende Diagnostik durch Experten, um es von anderen Störungsbildern wie Depressionen oder Angststörungen abzugrenzen. Das kann bei jungen Patienten ein Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder ein speziell ausgebildeter Kinderarzt sein.

Hingegen warnt Professor Dr. Silvia Schneider von der Ruhr-Universität Bochum.: „ADHS wird häufig überdiagnostiziert – auch von Experten“. Zusammen mit Kollegen hat Schneider im Jahr 2012 eine viel beachtete Studie veröffentlicht. Damals erhielten 473 Kinder- und Jugendpsycho-therapeuten beziehungsweise Kinderpsychiater eine von vier unterschiedlichen Fallgeschichten. Nur jeder vierte Fall enthielt starke Anhaltspunkte für ADHS. Die Diagnosekriterien der Teilnehmer variierten sehr stark.

Ob eine neue Leitlinie diese bekannten Probleme lösen wird, ist fraglich. Zu wenige Diagnostiker haben sich  mit den Empfehlungen befasst.

Teil 2

Altbekannt schien zu sein, dass bis zu 50% aller Jugendlichen mit ADHS ihre  Erkrankung/ihr Verhalten in modifizierter Form ins Erwachsenenalter mitnehmen. Jetzt wird diese These in Frage gestellt. Thomas Müller berichtet in einem Artikel der Ärztezeitung über Veröffentlichungen, die davon ausgehen, dass die allermeisten Jugendlichen ihr ADHS verlieren und dass die Erwachsenenform bei anderen Menschen erst im Erwachsenenalter beginnt. In einer Studie waren die ADHS-Symptome unter Erwachsenen gar meist in einem späten Alter aufgetreten und dabei fast immer mit dem Konsum von Alkohol und Drogen verbunden oder auf andere psychische Störungen zurückzuführen. Die Autoren stellen daher die Frage, ob ein spät beginnendes ADHS überhaupt existiere oder ob die Symptome nicht vielmehr Begleiterscheinung anderer psychischer Probleme seien.

Medikamenten Missbrauch bei ADHS

Medikamente zur Behandlung  einer Aufmerksamkeitsstörung (ADHS) werden unwissentlich oder absichtlich falsch eingenommen und zunehmend häufig überdosiert. Darüber berichten amerikanische Forscher des Nationwide Children’s Hospital, Columbus, Ohio in der namhaften Fachzeitschrift Pediatrics. Vergiftungszentralen in den USA erhalten durchschnittlich 200 Anfragen oder Hilferufe pro Woche. Von 200 bis 2011 stiegen die Nachfragen um 70% und stagnierten seither auf diesem Niveau. Fast die Hälfte der Anfragen bezogen sich auf die Medikamente Methylphenidat (z.B. Ritalin) und Amphetamin.

Bei Kindern bis zu 6 Jahren war die Überdosierung meist bedingt durch das „Ausprobieren“ von zugänglichen (= nicht gesicherten) Medikamenten. In der Altersgruppe 6-13 Jahre überwogen „Irrtümer“ in der Dosierung: zu viele Tabletten auf einmal oder zu rasch nacheinander gegeben. Bei Teenagern zwischen 13 und 19 Jahren wurde die Überdosierung absichtlich herbeigeführt: Suizidversuch, Medikamenten-Missbrauch oder -Fehleinnahme. 6% aller Kinder mit Überdosierung mussten in einer Klinik  überwacht oder behandelt werden.

Die Symptome der Überdosierung waren Herzkreislauf- und Blutdruck-Probleme, Unruhe und hohe Erregbarkeit. Als Präventiv-Strategien werden genannt: Beratung von Eltern und Jugendlichen, eine sichere Aufbewahrung der Medikamente, eindeutige Verpackungen und die Verschreibung nicht-medikamentöser Behandlungen.

Anmerkungen: 1. Die Dunkelziffer von Überdosierungen dürfte sehr hoch sein. 2. Der Gebrauch von solchen Stimulantien vor Prüfungen und als Droge zur vermeintlichen Verbesserung beim Lernen lassen ahnen, wieviele Tabletten einen falschen Weg nehmen. Wo werden die dann abgezweigt? Wer verschreibt wem und wieviel? 3. Die wirkungsvollste Prävention wird in dem Artikel nicht genannt: Ärztinnen und Ärzte sollten sorgfältiger mit der Diagnose ADHS und der Verschreibung von Medikamenten umgehen.

Hilfe für Kinder psychisch kranker Eltern

in der letzten Ausgabe der Kinderärztlichen Praxis findet sich ein Artikel von Kurt Albermann et al. zur Situation von Kindern psychisch kranker Eltern. Sehr anschaulich und praktisch gut nutzbar sind die Fragen an die betroffenen Kinder und Jugendlichen und die Voraussetzungen für den Aufbau eines Netzwerks. Sehr lesenswert!

Ansprechpartner ist auch die Bundesarbeitsgemeinschaft für Kinder psychisch kranker Eltern. Das Informationsangebot für regionale Hilfsangebote gibt es unter: http://bag-kipe.de/einrichtungen-projekte
Hier noch die Zusammenfassung (leicht gekürzt):
  • Kinder psychisch kranker Eltern haben ein um den Faktor 3 bis 7 erhöhtes Risiko, selbst eine psychische Störung zu entwickeln.
  • Kinder von Eltern mit Persönlichkeitsstörungen und Abhängigkeitserkrankungen sind offenbar am meisten gefährdet.
  • Anfangs können die familiären und privaten Netzwerke noch greifen, nach längerer Erkrankung und insbesondere bei Alleinerziehenden sind öffentliche Netzwerke unverzichtbar.
  • Die die Eltern behandelnden Fachpersonen haben die Kinder häufig nicht im Blick: Sie sollten nachfragen, wie es den Kindern geht, und bei Bedarf zu geeigneten Fachpersonen Kontakt aufnehmen.
  • Regionale Netzwerke benötigen eine Zusammenarbeit der verschiedenen Leistungserbringer, familienbezogen und fallübergreifend.
  • Die Kinder brauchen altersangemessene Informationen über die elterliche Erkrankung – kleinere Kinder durch die Eltern selbst – größere auch durch Fachpersonen.
  • Bei KinderärztInnen besteht im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen Gelegenheit, Eltern, in der Regel Mütter, auf individuelle und familiäre Belastungen, Schutz- und Risikofaktoren anzusprechen und auf professionelle Hilfen hinzuweisen. Es gibt aber kein Patentrezept – für jede Familie müssen individuell geeignete Unterstützungsangebote gefunden werden.

Der Ernährungs-Brexit kommt

Zwei Fakten: 1. Eine Pizza Hawaii hat durchschnittlich 750 Kalorien. 2. Jedes dritte britische Kind ist übergewichtig oder fettleibig, gesundheitliche Folgeprobleme inklusive. Das will die britische Regierung nun ändern. Laut einem Beitrag der Welt müssen „Pizza, Burger und Chips künftig in kleineren Portionen verkauft oder kalorienärmer werden. Das haben die Gesundheitsbehörden des Landes verfügt. Bis 2024 muss der Kaloriengehalt von 13 Produktgruppen um 20 Prozent sinken. Unternehmen, die das Ziel verfehlen, sollen bekannt gemacht werden. Später könnten schärfere Gesetzgebung oder Abgaben drohen“.

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E-Zigaretten und Shisha schädlich, schick oder doch nicht?

„E-Zigarette“ klingt mechanisch, fortschrittlich und harmlos, wie E-Bike oder IPhone. Ist es aber beileibe nicht, sagt die Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin und warnt: E-Zigaretten und neuere Tabakverdampfer stellen eine ernst zu nehmende Gefahr für Kinder und Jugendliche dar. „Denn zum einen können sie der Einstieg in eine lebenslange Nikotin-Abhängigkeit sein.“ Bei der Nikotin-Entwöhnung scheinen sie nicht wirklich zu helfen. „Zum anderen ist noch unklar, ob der Konsum langfristig die Entwicklung von Tumoren und chronischen Erkrankungen der Atemwege fördert.“

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Lärm ist schlecht fürs Lernen

Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) rief zum „Tag gegen Lärm“ am 25. April 2018 auf. Darüber berichtet bildungsklick. Der Blick ist dabei auf Schulen gerichtet: „In Klassenzimmern liegt der Lärmpegel teilweise sogar über 80 Dezibel – das ist so laut wie ein angeschalteter Staubsauger oder eine Straße mit hohem Verkehrsaufkommen.“ Bebildert wird der Artikel mit einem Gerät zur Messung der Lautstärke.

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Dreimal Neues vom Impfen

Zu viel und zu früh? Die Zahl der in Deutschland empfohlenen Impfungen hat sich in den letzten Jahren auf 10 Impfungen erhöht. Dadurch nimmt bei manchen Eltern die Befürchtung zu, die vielen Impfungen könnten das Immunsystem überfordern. Das wurde jetzt in einer Studie in den USA untersucht. Die Daten von 450.000 geimpften Kindern im Alter von 24 bis 47 Monaten aus US-amerikanischen Gesundheitsnetzwerken wurden von 2003 bis 2013 erfasst.

Befürchtungen, Kinder würden zu oft und zu früh geimpft, bestätigten sich nicht. Die Impfungen konkurrieren nicht mit der Fähigkeit des Immunsystems, Krankheitserreger abzuwehren.

Sinkende Raten an Impfkomplikationen: Das Paul-Ehrlich-Institut hat die Auswertung der im Jahr 2016 gemeldeten Verdachtsfälle von Impfkomplikationen vorgelegt. Danach ist mit 3.673 Fällen im Vergleich zum Vorjahr (3.919) ein Rückgang zu verzeichnen. Todesfälle, die bei Säuglingen und alten Menschen über 75 Jahren auftraten, stehen in keinem kausalen Zusammenhang mit den Impfungen. „Auch ein neues Risikosignal für bisher unbekannte Nebenwirkungen durch die in Deutschland angewandten Impfstoffe ergibt sich im Jahr 2016 nicht“, lautet das Fazit des Instituts.

Von den eingegangenen Meldungen handelt es sich bei rund 30 Prozent um schwerwiegende Fälle. Davon wurden bei 1,3 Prozent bleibende Schäden festgestellt. „In keinem einzigen Fall war ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der Impfung und der berichteten Todesursache festzustellen“, heißt es im Bulletin.

Am häufigsten wurden leichte Impfreaktionen gemeldet. Dazu gehören in erster Linie vorübergehende Schwellungen und Schmerzen an der Injektionsstelle, Fieber, Unwohlsein, Schüttelfrost und Gelenkschmerzen.

 HPV-Impfung: Einige Typen des Human Papilloma Virus (HPV) können bösartige Veränderungen hervorrufen, insbesondere Gebärmutterhalskrebs bei Frauen. Vermutlich ist auch ein erheblicher Anteil der Scheiden-, Penis- und Analkarzinome Folge einer HPV-Infektion. Der deutsche Forscher Harald zur Hausen erhielt unter anderem für die Entdeckung des Zusammenhangs mit Gebärmutterhalskrebs den Nobelpreis.

Die Impfung von Mädchen gegen diesen Virus ist die erste gegen einen Krebs vorbeugende Impfung in der Geschichte. Bereits die Impfung von 87 neunjährigen Mädchen kann einen Fall von Gebärmutterhalskrebs verhindern. Eine Studie in den USA konnte jetzt zeigen, dass eine Auffrischimpfung der Mädchen im Alter von 10 bis 14 Jahren die Sterblichkeit an Gebärmutterhalskrebs um weitere 30 %–40 % senken würde.

Wieviel Zucker steckt im Joghurt?

Seit einigen Jahren ist klar: Zucker ist ein lange Zeit unterschätzter Risikofaktor für die Gesundheit. Und selbst, wenn man das weiß: Achten wir auf den Zuckergehalt von Nahrungsmitteln? Eltern tun das nicht. Sie haben auch wenig Wissen, wieviel Zucker in Lebensmitteln enthalten ist. Ich fürchte, Pädagogen und Mediziner oder andere Fachleute sind auch nicht besser informiert.

„So hatten die Eltern, die den Zuckergehalt unterschätzten auch häufiger übergewichtige Kinder“, so die Erstautorin Mattea Dallacker einer Studie vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Nahrungsmittel wie Orangensaft und Joghurt werden von den meisten als gesund erachtet, deswegen unterschätzten mehr als acht von zehn Personen den Zuckergehalt. Am meisten und häufigsten daneben lagen sie beim Einschätzen von Joghurt. Neun von zehn unterschätzen den Zuckergehalt um rund 60 Prozent der Gesamtzuckermenge.

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Kleine Schläge auf den Hinterkopf

Sogar nach relativ leichten Schläge auf den Kopf, die noch keine Zeichen einer Gehirnerschütterung verursachen, können innerhalb kurzer Zeit morphologische Veränderungen im Gehirn zur Folge haben. Dies zeigen  Autopsien und Tierversuche, über die US-Forscher im Fachblatt Brain berichten. Die Studien-Ergebnisse unterstreichen Befürchtungen, dass selbst relativ geringe Schläge auf den Kopf bei Kindern und Jugendlichen, wie sie beim American Football vorkommen, bleibende Schäden im Gehirn, sog. „chronisch-traumatische Enzephalopathie (CTE )“ verursachen können. Schon lange gilt offiziell in den USA: Jugendliche dürfen keine Kopfbälle mehr machen. Auch in Deutschland warnen immer mehr Wissenschaftler vor Kopfbällen und scheinbar geringen Gehirnerschütterungen.

Was passiert bei einer Gehirnerschütterung? Dazu Frau Prof. Koerte von der Abteilung für Neurobiologische Forschung der Universität München: „Die Verbindungen unserer Nervenzellen, die Axone, sind mit einer Schutzschicht aus Myelin ummantelt wie ein Elektrokabel mit Kunststoff. Die Schutzschicht und die Axone können verletzt werden. Wenn die Zellmembran stark gedehnt wird oder sogar reißt, strömen massiv Kalziumionen in die Nervenzelle ein. Diese lassen die Energieversorgung der Zelle kollabieren. In leichten Fällen ist die Signalleitung der Nervenzelle kurzfristig gestört, in anderen stirbt sie ab.“ Kurzfristige Folge sind Gedächtnisstörungen. Prof. Lipton vom Einstein College in New York (zitiert nach Ärzteblatt) fand messbare Folgen für die Hirnfunktion erst nach vielen Kopfbällen: ab einer Zahl von etwa 1.800 Kopfbällen im letzten Jahr. Ab diesem Schwellenwert schnitten die Teilnehmer schlechter in Gedächtnistests ab.

Frage also: Reichen einzelne hirntraumatische Ereignisse aus, bleibende Veränderungen im Gehirn zu verursachen, oder müssen es doch ein paar Tausend sein? Wer mag es jetzt drauf ankommen lassen?